Was ist eine Rettungskette und wie funktioniert diese?

Was ist eine Rettungskette und wie funktioniert diese?

Arbeitsunfälle ereignen sich in verschiedenen Branchen und sind leider keine Seltenheit. In Deutschland passieren jährlich rund 875.000 Unfälle am Arbeitsplatz. Damit die betroffenen Mitarbeiter:innen keine schwerwiegenden Verletzungen erleiden, ist es besonders wichtig, dass Rettungskräfte frühzeitig über den Vorfall informiert werden.

Was versteht man unter einer Rettungskette?

Die Rettungskette bezieht sich auf den genauen Ablauf vom Zeitpunkt des Unfalls bis zum Eintreffen der Rettungskräfte und der medizinischen Versorgung des bzw. der Betroffenen. Je organisierter diese abläuft, desto effizienter kann im Notfall gehandelt und Spätfolgen verhindert werden.

Vor der Ausarbeitung der Rettungskette muss der Arbeitgeber alle möglichen Risiken in seinem Unternehmen identifizieren, analysieren und entsprechende Präventionsmaßnahmen ergreifen. Vorsicht ist insbesondere dort geboten, wo Mitarbeiter:innen allein arbeiten und im Notfall niemand unverzüglich Erste Hilfe leisten kann.

Hier müssen Arbeitgebende gemäß  DGUV Vorschrift 1: Grundsätze der Prävention § 25, geeignete Maßnahmen im Unternehmen einführen, damit im Notfall unverzüglich die notwendige Hilfe herbeigerufen werden kann. Welche Gefährdungen für Beschäftigte bestehen und ob Alleinarbeit überhaupt zulässig ist, wird im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung ermittelt. Mehr Informationen zur Gefährdungsbeurteilung finden Sie in unserem Artikel "Wie führt man eine Gefährdungsbeurteilung durch?".


Erkennung des Notfalls

Ereignet sich ein Notfall, so ist es wichtig, dass dieser schnellstmöglich erkannt und Erste Hilfe geleistet wird. Wenn der oder die betroffen:e Mitarbeiter:in alleine arbeitet, müssen entweder organisatorische oder technische Maßnahmen zur Notfallerkennung etabliert werden, da der Notfall sonst zu lange unbemerkt bleibt. Eine gängige technische Maßnahme zur Erkennung von Notfällen ist die Ausstattung der Alleinarbeitenden mit einem Personen-Notsignal-Gerät (PNG). Damit kann der bzw. die Betroffene per Knopfdruck schnell die unternehmensinternen Notfallkontakte alarmieren. Dies ist jedoch nur möglich, wenn diese:r noch bei Bewusstsein ist. Andernfalls kann ein Notfall auch durch verschiedene willensunabhängige Alarmfunktionen eines PNG automatisch erkannt werden. Dazu gehören beispielsweise der Sturzalarm, der bei einem Sturz automatisch einen Notfall erkennen kann, oder auch der Zeitalarm, der nach Ablauf einer zuvor definierten Dauer automatisch einen Notfall meldet. Mehr über die Funktion von Personen-Notsignal-Geräten erfahren Sie in unserem Artikel  Was ist eine Personen-Notsignal-Anlage?  

Erste Hilfe am Notfallort oder Kontaktaufnahme

Sobald die definierten Notfallkontakte durch das PNG per Anruf, SMS, E-Mail oder Signal in einer Basisstation informiert wurden, sollten sie sofort den Ort des Notfalls aufsuchen und die geschulten Ersthelfer alarmieren. Sobald sie am Unfallort eintreffen, sollten die folgenden Schritte beachtet werden:

1. Bei einem Notfall muss schnellstmöglich gehandelt werden. Treffen die Notfallkontakte vor den Ersthelfern ein, so sollten sie zunächst den bzw. die betroffene Mitarbeiter:in aus der Gefahrenzone bringen. So schützen sie nicht nur den Mitarbeitenden vor Gefahren, sondern auch sich selbst.

2. Befinden sich sowohl der oder die Betroffene als auch die anwesenden Personen außerhalb der Gefahrenzone, so muss unverzüglich ein Notruf abgesetzt werden.

3. Je nach Schwere des Unfalls sollte noch vor dem Eintreffen der Rettungskräfte Erste Hilfe geleistet werden. Dabei ist jede anwesende Person gefragt, denn nur wenige Sekunden können hier über Leben und Tod entscheiden.

4. Wichtig ist auch, in jedem Moment die Ruhe zu bewahren, denn nur mit einem klaren Kopf kann schnell und effektiv Hilfe geleistet werden.

Sollte sich kein weiteres Personal vor Ort befinden oder nicht erreichbar sein, so sollten die alarmierten Notfallkontakte sofort versuchen, telefonisch Kontakt mit dem Betroffenen aufzunehmen. Ist die betroffene Person noch bei Bewusstsein und antwortet auf den Anruf, müssen so schnell wie möglich die wichtigsten Informationen erfragt werden. Ebenso sollte versucht werden, die betroffene Person zu beruhigen, da diese häufig noch unter Schock steht. Sollte der bzw. die betroffene Mitarbeiter:in nach einem ausgelösten Notfall telefonisch nicht erreichbar sein und damit das Wohlbefinden nicht bestätigt werden können, sollten direkt die Rettungskräfte alarmiert werden.


Alarmierung der Rettungskräfte

Im Notfall sollte die zuständige Rettungsleitstelle verständigt werden. Da in Notsituationen oft auch die anwesenden Personen unter Schock stehen, ist das Absetzen eines Notrufes nicht so einfach. Wer einen Notruf absetzt, sollte sich kurzfassen, denn im Notfall zählt jede Sekunde. Trotzdem ist es wichtig, dass keine wichtigen Informationen ausgelassen werden, damit schnell geholfen werden kann. Als Leitfaden für das Absetzen eines Notrufs dienen die W-Fragen: Wo ist das Ereignis? Wer ruft an? Was ist passiert? Wie viele Personen sind betroffen? Außerdem sollte man auf Rückfragen der Leitstelle warten und diese präzise beantworten. Der Notruf 112 kann europaweit und aus jedem Mobilfunknetz abgesetzt werden.

Zugang zum Notfallort für Rettungskräfte sicherstellen

Damit die Rettungskräfte im Notfall schnellstmöglich den Unfallort erreichen können, sollte zunächst die genaue Adresse mit allen wichtigen Angaben zum Unfallort über den Notruf übermittelt werden. Insbesondere bei unübersichtlichen Industrieanlagen oder versteckten Eingängen sind zusätzliche Informationen erforderlich. Im nächsten Schritt sollten die Anwesenden den Weg zum Unfallort vollständig freiräumen, damit beim Eintreffen der Rettungskräfte keine Hindernisse im Weg stehen.

Handelt es sich um ein verschlossenes Gebäude ohne anwesende Personen, muss zur Öffnung des Gebäudes der oder die zuständige Pförtner:in, der Sicherheitsdienst oder andere Personen mit Zugang zum Gebäude alarmiert werden.

Analyse des Notfalls und der Rettungskette

Um zu verhindern, dass sich ein ähnlicher Unfall im Betrieb wiederholt, ist es wichtig, jeden Vorfall genau zu analysieren. So können unterschätzte Risiken erkannt und entsprechende Präventionsmaßnahmen ergriffen werden. Auch Verbesserungsvorschläge für die Rettungskette sollten berücksichtigt werden. So kann beispielsweise durch den Einsatz von PNGs, die automatisch bei Erkennung eines Unfalls einen Notruf absetzen, Zeit eingespart werden. Ebenso können die Zugangswege für Rettungskräfte optimiert werden.


Welche Hindernisse können in der Rettungskette auftreten und wie können diese überwunden werden?

Damit der Ablauf im Notfall reibungslos erfolgt, muss jedes einzelne Glied der Rettungskette funktionieren. Da mehrere Akteure an dem Prozess beteiligt sind, kann es an verschiedenen Stellen der Rettungskette zu Komplikationen kommen.

Variierende (potentielle) Notfall-Standorte

Sind Alleinarbeiter:innen an verschiedenen Standorten tätig (z.B. bei der Instandhaltung im Außendienst), so kann sich ein Unfall an unterschiedlichen Orten ereignen. Dies stellt besondere Herausforderungen an die Alarmierung der Rettungskräfte, da sich die Notfallkontakte an einem anderen Standort, möglicherweise sogar in einer anderen Stadt, befinden können als die Person, die sich in einer Notsituation befindet.

Würde der Notfallkontakt nun nach Eingang der Notfallmeldung den Rettungsdienst über die 112 alarmieren, so würde er mit der für seinen Standort zuständigen Leitstelle verbunden werden und nicht mit der für den eigentlichen Notfallort zuständigen Leitstelle. In diesem Fall müsste zunächst eine Weiterleitung an die richtige Leitstelle erfolgen, wodurch wertvolle Zeit verloren geht. Um dies zu vermeiden, ist es sinnvoll, die direkte Durchwahl zu den regionalen Rettungsleitstellen des Einsatzortes und damit des potentiellen Notfallortes zur Verfügung zu haben.

Zugang zum Gebäude

Auch die Frage, wie der Rettungsdienst im Notfall Zugang zum Gebäude erhält, muss in der Rettungskette geklärt werden. Dies ist besonders dann wichtig, wenn keine weiteren Mitarbeiter:innen in unmittelbarer Nähe sind und sich die verletzte Person innerhalb eines Gebäudes oder einer geschlossenen Anlage befindet. Um dieses Problem zu lösen, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

-Neben den Rettungskräften können zusätzlich Personen, wie der Werkschutz, der oder die Hausmeister:in, bzw. Geschäftsführer:in kontaktiert werden, die einen Schlüssel besitzen und die Tür öffnen können. Hierbei sind jedoch Anreisedauer, Urlaubszeiten sowie die Erreichbarkeit der Kontakte zu berücksichtigen.

-Alternativ kann auch ein Schlüsseltresor mit Code verwendet werden, in dem der Schlüssel aufbewahrt wird. In diesem Fall muss der gewählte Code und der Standort des Tresors im Notfall an die regionale Rettungsleitstelle übermittelt oder vorab als Information hinterlegt werden.

-Alternativ können Schlüssel und Zugangsinformationen bei einigen örtlichen Rettungsleitstellen dauerhaft hinterlegt werden.

Keine permanent verfügbaren Notfallkontakte

Insbesondere bei Tätigkeiten, die in der Nacht- oder in Wochenendschichten, allein durchgeführt werden, kann es zu Komplikationen in der Rettungskette kommen. Wird ein PNG zur Unfallerkennung und Alarmierung eingesetzt, so kann dieses alle wichtigen Daten zum Vorfall an die Notfallkontakte weiterleiten. Diese sind jedoch häufig außerhalb der Geschäftszeiten nicht erreichbar.

Hier sollte demnach eine zertifizierte Leitstelle eingesetzt werden, die 24/7 erreichbar ist. So kann sichergestellt werden, dass Notfälle auch außerhalb der Geschäftszeiten entsprechend dem vom Unternehmen definierten Maßnahmenplan zuverlässig bearbeitet werden.

Mangelnde Erste-Hilfe-Kenntnisse

Befinden sich weitere Mitarbeiter:innen am Unfallort, können diese bereits Sofortmaßnahmen ergreifen, während der Rettungsdienst noch auf dem Weg ist. Probleme ergeben sich hier häufig durch mangelnde Kenntnisse über Erste-Hilfe-Maßnahmen. Damit dadurch keine Verzögerungen in der Rettungskette entstehen, ist es wichtig, dass in jedem Betrieb ausgebildete Ersthelfer:innen zur Verfügung stehen und vor Ort sind. Nach § 23 Absatz 2 des Siebten Sozialgesetzbuchs (SGB VII)  sind die Arbeitgeber für die Aus- und Fortbildung der betrieblichen Ersthelfer verantwortlich.

Ungenaue Lokalisierung

Durch die Verwendung eines PNG kann die Ortung der verletzten Person verbessert werden, da die meisten Geräte bei der Auslösung eines Notrufs eine GPS-Ortung durchführen. Befindet sich der oder die Mitarbeiter:in jedoch in einem Raum mit dicken Wänden oder in einem Gebäude mit mehreren Stockwerken, kann es bei der Ortung über GPS-Signale zu Ungenauigkeiten kommen.

Durch die Nutzung von Bluetooth Beacons kann dieses Problem behoben werden. Es handelt sich dabei um kleine Sender, die in Gebäuden installiert werden. Im Notfall wird die gesendete ID des nächstgelegenen Beacons per PNG an die Notfallkontakte übermittelt und erleichtert so die Ortung. Mehr zum Thema Indoor-Lokalisierung erfahren Sie in unserem Artikel "Wie funktioniert Indoor-Ortung und wie wird diese für Notsignal-Geräte eingesetzt?".


Verweigerung der Mitwirkungspflicht

Auch der oder die Betroffene selbst kann ein Hindernis in der Rettungskette darstellen, da Mitarbeiter:innen gemäß der Unterweisung des Arbeitgebers auch dafür Sorge tragen, dass ihre eigene Gesundheit und Sicherheit bei der Arbeit geschützt werden. Die Mitwirkungspflicht der Mitarbeitenden ist in § 15 Abs. 1 Satz 1 ArbSchG verankert. Der Mitarbeitende kann hier beispielsweise durch die Verweigerung des Einsatzes einer vorgeschriebenen PNA den Beginn der Rettungskette verzögern und so seine eigene Sicherheit gefährden. Mehr zur Mitwirkungspflicht erfahren Sie in unserem Artikel “Welche Mitwirkungspflichten haben Mitarbeiter laut Arbeitsschutzgesetz?”  
Um die Eigenverantwortung nicht zu umgehen und sich damit selbst zu schützen, muss sich jeder Beschäftigte demnach seiner Mitwirkungspflichten bewusst sein.


Warum ist eine funktionierende Rettungskette in Unternehmen wichtig?

Im Notfall ist ein schnelles Eintreffen der Rettungskräfte nicht nur wichtig, sondern essentiell, da oft nur wenige Minuten über Leben und Tod entscheiden können. Die Rettungskette ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, die allen Mitarbeitenden eines Unternehmens bekannt sein muss. Sie stellt sicher, dass jeder weiß, was bei einem Unfall zu tun ist. So kann schnell gehandelt, Sofortmaßnahmen eingeleitet und parallel dazu die zuständige Leitstelle kontaktiert werden. Durch eine funktionierende Rettungskette und den Einsatz geeigneter Notsignalanlagen zur Unfallerkennung und Alarmierung kann der Arbeitsschutz in einem Unternehmen optimiert werden.

Unternehmen können durch geeignete Maßnahmen die Rettungskette weiterentwickeln und verbessern. Dies ist nicht nur für die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten wichtig, sondern auch gesetzlich vorgeschrieben. Nach der DGUV Vorschrift 1 Grundsätze der Prävention trägt der Arbeitgeber die Hauptverantwortung für den Arbeitsschutz in seinem Betrieb. Sowohl die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften als auch die Einführung von Maßnahmen für die Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer:innen fallen demnach in deren Aufgabenbereich. Mehr zu den Verantwortlichkeiten im Arbeitsschutz finden Sie in unserem Blogbeitrag "Wer trägt die Verantwortung für den Arbeitsschutz?".

Auch für die Mitarbeiter:innen ergeben sich durch eine funktionierende Rettungskette Vorteile, da sich dadurch ihr persönliches Sicherheitsgefühl verbessert und sie sorgenfrei arbeiten können. Dazu müssen die entsprechenden Maßnahmen allen Mitarbeitenden kommuniziert werden. Nur so erfolgt der Ablauf im Notfall ohne Komplikationen.


Fazit

Die Rettungskette umfasst alle Schritte, die im Notfall durchgeführt werden müssen. In Betrieben sollte jede:r Mitarbeiter:in mit ihr vertraut sein, damit der Ablauf nicht unterbrochen wird und dadurch wichtige Zeit verloren geht. Da eine Rettungskette nur so effektiv ist wie die beteiligten Akteur:innen, muss diese gut geplant und kommuniziert werden. Insbesondere bei Unternehmen mit einer zentralen Leitstelle, aber verschiedenen Standorten, ist ein genauer Notfallplan notwendig. Mithilfe einer funktionierenden Rettungskette trifft Hilfe frühzeitig ein und Verletzungen werden gering gehalten, ein schneller Heilungsverlauf ermöglicht und sogar Leben gerettet.

Katharina Hochmuth

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